Wenn ein Mensch fehlt und trotzdem nah bleibt
Verbindung und Beziehung in der hypnosystemischen Trauerbegleitung
„Ich weiß, dass er tot ist – und trotzdem warte ich manchmal darauf, dass er zur Tür hereinkommt.“
Nach dem Tod eines geliebten Menschen verändert sich vieles grundlegend. Der Mensch fehlt im Alltag, gemeinsame Gewohnheiten brechen weg, Zukunftsvorstellungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig kann sich die verstorbene Person innerlich sehr nah anfühlen.
Viele Trauernde kennen dieses Nebeneinander: Sie wissen, dass der geliebte Mensch gestorben ist – und erleben ihn dennoch in Gedanken, Erinnerungen, inneren Bildern oder bestimmten Situationen als gegenwärtig. Ein Lied, ein Geruch, eine vertraute Redewendung oder ein gemeinsamer Ort können plötzlich ein starkes Gefühl von Nähe auslösen.
Die hypnosystemische Trauerbegleitung arbeitet mit dieser Gleichzeitigkeit – der Realisierung der äußeren Abwesenheit und dem Wahrnehmen der inneren Verbundenheit. Sie versteht Trauer nicht nur als Reaktion auf einen Verlust, sondern auch als einen Prozess, in dem sich die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen verändert. Zwei Aspekte spielen dabei eine besondere Rolle: Verbindungserfahrungen wahrzunehmen und die Beziehung unter veränderten Bedingungen weiter zu gestalten.
In diesem Artikel möchte ich Ihnen zeigen, wie die hypnosystemische Trauerbegleitung mit diesem Nebeneinander von Abwesenheit und Nähe arbeitet und warum es dabei nicht ums Loslassen geht, sondern darum, der Beziehung einen neuen, sicheren Platz zu geben. Ich nehme Sie mit in eine Trauerbegleitung, in der wir mit dem inneren Bild von einem „Sicheren Ort“ arbeiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Trauer verändert die Beziehung – sie beendet sie nicht: Der verstorbene Mensch fehlt im Alltag, doch innerlich kann die Beziehung weiterwirken.
- Hypnosystemisch heißt: äußere Wirklichkeit und inneres Erleben miteinander zu verbinden und in ihrem Zusammenspiel zu verstehen.
- Wissen und Erleben brauchen unterschiedlich lange: Der Verstand hat den Tod realisiert – Gefühl und Körper brauchen häufig mehr Zeit, um diese neue Wirklichkeit aufzunehmen.
- Nicht loslassen, sondern einen Platz finden: Die Frage lautet nicht „Wie kann ich den geliebten Menschen loslassen?“ sondern „Wie kann die Beziehung unter veränderten Bedingungen einen sicheren Platz in meinem Leben finden?“
- Ein sicherer Ort für den geliebten Menschen: Die Frage „Wo ist er jetzt?“ gehört zur Trauer. In der Imagination kann ein innerer Ort entstehen, an dem der verstorbene Mensch geborgen ist – und an dem die Verbindung zu ihm immer wieder aufgesucht werden kann.
- Verbundenheit als Ressource: Neben dem Schmerz kann spürbar werden, was aus der Beziehung bleibt, weil es sich nicht einfach auflöst – etwas, das trägt und stärkt.
1. Was bedeutet „hypnosystemisch“?
Der von Gunther Schmidt entwickelte hypnosystemische Ansatz verbindet systemisches Denken mit Konzepten der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson.
Vereinfacht gesagt geht er davon aus, dass unser Erleben nicht nur davon beeinflusst wird, was im Außen geschieht. Ebenso bedeutsam ist, welche inneren Erfahrungen dadurch aktiviert werden und worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet – bewusst oder unbewusst.
Gedanken, Erinnerungen, innere Bilder, Gefühle und Körperempfindungen wirken dabei zusammen und prägen unsere Wahrnehmung und unser Erleben.
Das kennen wir auch aus anderen Situationen: Erinnern wir uns intensiv an etwas Belastendes, kann sich der Körper erneut anspannen. Denken wir dagegen an einen Menschen oder einen Ort, an dem wir uns sicher gefühlt haben, kann allein diese Erinnerung etwas in unserem gegenwärtigen Erleben verändern.
Die äußere Situation bleibt dabei unverändert – und dennoch kann sich innerlich etwas verändern.
In der Trauer sind solche inneren Prozesse oft besonders intensiv.
2. Wenn Wissen und Erleben nicht dasselbe sagen
Nach einem schweren Verlust beschreiben viele Menschen Erfahrungen wie die eingangs zitierte. Oder sie sagen: „Es fühlt sich alles so unwirklich an.“
Der Verstand kann längst realisiert haben, dass ein Mensch gestorben ist. Das emotionale und körperliche Erleben braucht häufig länger, um diese neue Wirklichkeit aufzunehmen.
Eine Beziehung, die über Jahre oder Jahrzehnte selbstverständlich war, verschwindet innerlich nicht einfach mit dem Tod. Vertraute Erwartungen, Erinnerungen und Beziehungserfahrungen wirken weiter. Deshalb kann sich der verstorbene Mensch manchmal sehr nah anfühlen, obwohl gleichzeitig klar ist, dass er im Außen nicht mehr da ist.
3. Äußere Abwesenheit und innere Verbundenheit
Aus hypnosystemischer Sicht ist genau dieses Spannungsfeld bedeutsam: Der geliebte Mensch fehlt im Außen, während die Beziehung innerlich weiterwirken kann.
Liebe, Sehnsucht, Erinnerungen und gemeinsame Erfahrungen bleiben bestehen. Die Frage ist deshalb weniger: Wie kann ich diesen Menschen loslassen? Sondern eher: Wie kann die Beziehung zu ihm unter den veränderten Bedingungen einen Platz in meinem Leben finden?
Erinnerungen spielen dabei eine besondere Rolle. Ein vertrauter Blick, ein Satz oder eine gemeinsame Situation können Bilder, Gefühle und Körperempfindungen reaktivieren und wieder lebendig werden lassen. Erinnerung ist dann nicht nur ein schmerzhafter Blick zurück, sondern kann zu einer gegenwärtigen Beziehungserfahrung werden: Der verstorbene Mensch ist nicht real anwesend, aber etwas von der erlebten Verbundenheit wird wieder spürbar.
Diese Verbindung kann unterschiedlich gestaltet werden – durch Fotos oder Gegenstände, vertraute Orte, das Erzählen gemeinsamer Geschichten oder einen inneren Dialog. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Frage: Was hilft mir, neben dem Verlust auch wieder Zugang zu dem zu bekommen, was mich mit diesem Menschen verbunden hat?
4. Kleine Impulse zum Ausprobieren
Vielleicht möchten Sie eine oder zwei dieser Fragen für sich wirken lassen:
- Welche gemeinsame Situation lässt Sie besonders gut spüren, wie sich die Beziehung zu Ihrem geliebten Menschen angefühlt hat, was sie ausgemacht hat?
- Gibt es einen Blick, eine Geste oder einen Satz, der innerlich noch sehr präsent ist? Was spüren sie, wenn sie dieses Bild in sich aufrufen?
- Was von diesem Menschen ist heute Teil Ihres Lebens geworden? Was haben Sie von ihm gelernt? Was hat er oder sie in ihnen gesät?
- Wenn Sie an einen verbindenden Moment denken: Was nehmen Sie dabei in Ihrem Körper wahr?
- Gibt es etwas, das Sie Ihrem verstorbenen Menschen heute gern erzählen würden?
5. Wie ich mit diesem Verständnis in der Trauerbegleitung arbeite
In meiner Begleitung richten wir die Aufmerksamkeit auf Erfahrungen, in denen die Beziehung zum verstorbenen Menschen spürbar wird: auf gemeinsame Situationen, bestimmte Eigenschaften, vertraute Sätze, auf Liebe, Sehnsucht oder andere Beziehungsgefühle.
Dabei interessiert nicht nur, was jemand erinnert, sondern auch, wie diese Erinnerung im Moment erlebt wird. Welche Bilder tauchen auf? Welche Gefühle? Wo ist etwas im Körper wahrnehmbar? Was verändert sich, wenn die Aufmerksamkeit für einen Moment bei einer verbindenden Erfahrung bleibt?
Auch Imaginationen können dabei unterstützen. Sie ermöglichen dem Trauernden eine innere Wirklichkeit zu gestalten. Sie können helfen, Erinnerungen, innere Bilder und Beziehungserfahrungen bewusster wahrzunehmen und zugänglich zu machen.
Beispiel aus der Begleitung:
Eine junge Frau – ich nenne sie Lena – kommt einige Monate nach dem Tod ihrer Schwester zu mir, die auf einer Reise tödlich verunglückt ist. Immer wieder fragt sie: „Wo ist sie jetzt?“ Ihre inneren Bilder kreisen um den fremden Unfallort, den sie nie gesehen hat. „Wenn ich an sie denke, sehe ich nur diesen Ort.“
Ich lade Lena zu der Imaginationsübung „Sicherer Ort für den geliebten Menschen“ nach Roland Kachler ein. Zuerst lässt sie vor ihrem inneren Auge einen Ort entstehen, an dem sie selbst sich geborgen fühlt: einen Steg an dem See, an dem die Schwestern als Kinder ihre Sommer verbracht haben. Als dieser Ort stabil ist, lässt sie ihre Schwester dort auftauchen. „Sie sitzt neben mir und lässt die Beine ins Wasser hängen. So wie früher.“ Tränen kommen – und zugleich ein Lächeln. Lena sagt ihrer Schwester, was ihr auf dem Herzen liegt, und verabschiedet sich schließlich: mit Schmerz, aber in dem Wissen, dass sie sie dort wieder aufsuchen kann.
Danach sagt sie: „Zum ersten Mal habe ich sie nicht an diesem fremden Ort gesehen.“ In den folgenden Wochen kehrt sie immer wieder zu ihrem Steg zurück.
Die Idee hinter der Übung
Die Frage nach dem Ort des Verstorbenen gehört zur Trauer. Kachler beschreibt, dass die Seele einen sicheren Ort für den geliebten Menschen braucht, um mit ihm verbunden zu bleiben. Nach einem Unfalltod ist dieser Platz oft vom Bild des Unglücks besetzt. Deshalb beginnt die Übung bei der Trauernden selbst: Erst wenn sie Geborgenheit erlebt, kann auch die Begegnung sicher werden. Die Imagination lenkt die Aufmerksamkeit vom Ort des Verlusts zu einem Ort der Verbundenheit – ohne die Wirklichkeit des Todes zu verleugnen. Der Abschied am Ende nimmt den Trennungsschmerz ernst und verbindet ihn mit der Erfahrung, dass die Beziehung einen sicheren Platz behält.
Die erschreckenden Bilder vom Unfallort sind damit nicht verschwunden. Sie werden zu einem späteren Zeitpunkt in der Beratung noch einmal aufgegriffen und bearbeitet – dann, wenn Lena mit ihrem sicheren Ort einen inneren Halt gefunden hat, auf den sie dabei zurückgreifen kann.
Name und Details sind zum Schutz der Klientin verändert.
Es geht es nicht darum, den Verlust weniger schmerzhaft zu machen oder schwierige Gefühle zu verdrängen. Es geht vielmehr darum, neben dem Fehlen auch das spüren zu können, was aus der Beziehung bleibt und sicher ist: Liebe, Verbundenheit, gemeinsame Erfahrungen und das, was dieser Mensch im eigenen Leben hinterlassen hat.
Wenn solche Erfahrungen wieder spürbar werden, können sie zu einer inneren Ressource werden – etwas, das trägt, stärkt und einen eigenen Platz im weiteren Leben finden darf.
6. FAQ – Häufig gestellte Fragen
Ist es normal, den verstorbenen Menschen weiterhin nah zu spüren?
Ja. Viele Trauernde erleben den verstorbenen Menschen in Gedanken, Erinnerungen oder bestimmten Situationen als gegenwärtig. Das ist kein Zeichen dafür, dass man den Tod nicht wahrhaben will – sondern Ausdruck einer Beziehung, die innerlich weiterwirkt.
Muss ich loslassen?
Nein. Statt um Loslassen geht es eher darum, wie die Beziehung unter veränderten Bedingungen einen Platz im eigenen Leben finden kann.
Was ist das Besondere an der hypnosystemischen Trauerbegleitung?
Sie arbeitet mit der äußeren Realität und den inneren Erfahrungen – Bilder, Gefühle, Körperempfindungen. „Trauerarbeit“ ist hier immer auch „Beziehungsarbeit“.
Was sind Imaginationen in der Trauerbegleitung?
In einer Imagination lade ich Sie ein, sich mit geschlossenen oder entspannten Augen etwas innerlich vorzustellen, zum Beispiel einen Ort, an dem Sie selbst und Ihr geliebter Mensch sicher sind. Solche Bilder wirken auf Gefühl und Körper.
Für wen eignet sich diese Form der Begleitung?
Für Menschen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben – einzeln, als Paar oder als Familie. Wie lange der Verlust zurückliegt, spielt dabei keine entscheidende Rolle.
Wenn Sie sich angesprochen fühlen
Vielleicht haben Sie sich beim Lesen in manchem wiedergefunden: im Nebeneinander von Fehlen und Nähe, in der Frage „Wo ist er jetzt?“ oder in dem Wunsch, die Verbindung zu Ihrem geliebten Menschen nicht zu verlieren. Vielleicht sind beim Lesen auch Fragen entstanden. Oder Sie spüren, dass Sie diesen Weg nicht allein gehen möchten.
Dann lade ich Sie herzlich ein, sich bei mir zu melden. In einem ersten Gespräch können Sie mich und meine Arbeitsweise in Ruhe kennenlernen und Ihre Fragen stellen. Gemeinsam finden wir heraus, ob eine Trauerbegleitung bei mir für Sie stimmig und hilfreich sein kann.
Ursula Pechlaner
Trauernde zu begleiten und zu unterstützen ist für mich mehr als ein Beruf. Als Diplom-Sozialpädagogin und systemische Therapeutin mit eigener Verlusterfahrung und langjähriger Erfahrung in der Begleitung Trauernder, verbinde ich professionelle Expertise mit einem tiefen Verständnis dafür, was der Tod eines geliebten Menschen im Leben auslöst. Ich weiß, wie weit diese Erfahrung wirkt – in den Alltag, in Beziehungen, in Familie und Beruf.
