Ein Stuhl für den, der fehlt

Welchen Platz hat der verstorbene Mensch in der neuen Partnerschaft

„Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind zu dritt.“

Diesen Satz höre ich in der Paarberatung häufig. Manchmal klingt er liebevoll, manchmal erschöpft. Und meistens ist er einfach wahr.

Wer nach dem Tod des Partners oder der Partnerin eine neue Beziehung eingeht, bringt einen Menschen mit, der nicht mehr lebt und doch weiter zum eigenen Leben gehört. Die Frage ist deshalb selten, ob der verstorbene Mensch in der neuen Beziehung vorkommt, sondern wo. Und wie viel Raum er oder sie dort einnimmt.

In diesem Artikel möchte ich Ihnen Impulse dazu geben, wie ein sicherer, aber begrenzter Platz für den verstorbenen Menschen aussehen kann. Und ich nehme Sie mit in eine Paarberatung, in der ein leerer Stuhl eine wichtige Rolle spielt.

Zu dritt: Warum der verstorbene Mensch nicht einfach „draußen bleibt“

Nach einer Trennung endet eine Beziehung meist auch innerlich. Nach einem Tod ist das anders: Die Beziehung wurde nicht beendet, sondern unterbrochen. Liebe, Verbundenheit und gemeinsame Geschichte bleiben, über Erinnerungen, innere Zwiegespräche, Träume oder das Gefühl, dass da jemand unsichtbar mitgeht.

Die Trauerforschung beschreibt diese Konstellation als triadische Beziehung: ein Beziehungsdreieck, in dem sich jede und jeder zu jedem positionieren muss: die trauernde Person, die neue Partnerin oder der neue Partner und der verstorbene Mensch. Eine fortbestehende innere Verbindung zum Verstorbenen ist für viele Trauernde stabilisierend, für manche sogar die Voraussetzung, sich überhaupt auf etwas Neues einlassen zu können.

Gleichzeitig braucht die neue Liebe ihren eigenen Raum. Dr. Lisa Auffenberg von der Nicolaidis YoungWings Stiftung bringt es auf den Punkt: Es geht darum, dem verstorbenen Menschen einen guten Platz zu geben, aber einen begrenzten. Nur wenn es in der neuen Partnerschaft auch Räume gibt, die frei von Trauer sind, kann sie sich als eigenständige Beziehung entfalten und muss sich nicht wie eine Kompromisslösung anfühlen. [Bestattungskultur1.2019, Weiterleben &Weiterlieben]

Wenn der Platz nicht geklärt ist

Ob der verstorbene Mensch zu viel oder zu wenig Raum hat, lässt sich nicht von außen bestimmen. Aber viele Paare spüren, wenn etwas nicht stimmt.

Zu viel Raum kann sich zum Beispiel so zeigen: Vieles im Alltag wird am Verstorbenen gemessen. Die gemeinsame Wohnung ist unverändert, als wäre er oder sie nur kurz weg. Die neue Partnerin hat das Gefühl, „nur Ersatz“ zu sein oder mit einem Menschen konkurrieren zu müssen, der in der Erinnerung keine Fehler mehr hat. Der neue Partner wird zur wichtigsten Stütze in der Trauer und kommt mit seinen eigenen Bedürfnissen kaum noch vor.

Zu wenig Raum kann ebenso belasten: Der verstorbene Mensch wird nicht mehr erwähnt, um den neuen Partner nicht zu verletzen. Fotos verschwinden in Schubladen, der Todestag wird allein und heimlich begangen. Die Trauer zieht sich zurück und taucht dann unerwartet auf, als Rückzug, Gereiztheit oder Tränen, die sich keiner von beiden erklären kann.

Beides ist verständlich. Beides entsteht meist aus Liebe und Rücksicht, zum verstorbenen Menschen wie zum neuen Partner oder zur neuen Partnerin. Und beides lässt sich verändern, wenn Paare miteinander darüber ins Gespräch kommen.

Einblick in eine Paarberatung: der dritte Stuhl

Das folgende Beispiel ist frei zusammengestellt. Namen und Details sind erfunden und stehen für Situationen, wie sie mir in der Beratung immer wieder begegnen.

Anna ist 46. Ihr Mann Christian ist vor fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben, die beiden Kinder sind heute 12 und 17. Seit gut zwei Jahren ist sie mit Stefan zusammen, vor einigen Monaten ist er bei ihr und den Kindern eingezogen. Seitdem gibt es Spannungen, die beide schwer greifen können. In den ersten Sitzungen haben wir ihr Anliegen geklärt: Sie möchten verstehen, was es manchmal so kompliziert macht, und einen gemeinsamen Umgang mit Christian finden.

Ein Stuhl im Raum

Als Anna und Stefan zur dritten Sitzung kommen, steht neben ihren beiden Stühlen ein dritter. Ich erkläre ihnen, dass dieser Stuhl heute für Christian stehen darf. Nicht, um ihn „hereinzuholen“, sondern um sichtbar zu machen, was ohnehin da ist. Beide sind einverstanden, Stefan etwas zögerlicher als Anna.

In der systemischen Stuhlarbeit bekommt das, was sonst nur im Inneren oder zwischen den Zeilen existiert, einen konkreten Platz im Raum. So lässt sich darüber sprechen.

Wo steht der Stuhl heute?

Ich bitte zuerst Anna, den Stuhl so in den Raum zu stellen, wie sie Christian’s Platz in ihrer Beziehung mit Stefan im Moment erlebt. Sie überlegt eine Weile, dann stellt sie ihn dicht neben sich, leicht nach vorn gedreht. „So ist es wohl“, sagt sie. „Er ist immer irgendwie dabei. Nicht störend. Einfach da.“

Dann ist Stefan an der Reihe. Er nimmt den Stuhl und stellt ihn mitten zwischen sich und Anna. Es wird still im Raum. „Für mich steht er hier“, sagt er leise. „Ich merke, dass ich oft um ihn herum muss, um zu dir zu kommen.“

Hier wird sichtbar, was in vielen Paaren unausgesprochen bleibt: Beide erleben dieselbe Situation sehr unterschiedlich. Für Anna ist Christian eine vertraute, tragende Präsenz an ihrer Seite. Für Stefan ist er etwas, das zwischen ihnen beiden steht.

Wie geht es dir damit?

Bevor wir weiterarbeiten, frage ich beide, wie es ihnen mit dem Bild des anderen geht. Anna ist betroffen. „Ich wusste nicht, dass es sich für dich so anfühlt. Ich will doch gar nicht, dass er zwischen uns steht.“ Stefan erzählt von Situationen, in denen er sich fehl am Platz gefühlt hat: der Platz am Tisch, an dem Christian immer saß und auf den sich niemand setzt; die Familienfeiern, bei denen Christian`s Eltern ihn kaum ansehen; der Todestag, an dem Anna sich zurückzieht und er nicht weiß, ob er sie ansprechen darf.

Und dann sagt Stefan etwas, das ihm sichtlich schwerfällt: „Manchmal bin ich eifersüchtig. Auf jemanden, der tot ist. Und dafür schäme ich mich.“ Anna greift nach seiner Hand.

Solche Momente sind oft entscheidend. Gefühle wie Eifersucht oder das Empfinden, nicht mithalten zu können, sind in einer triadischen Beziehung verständlich. Wenn sie ausgesprochen werden dürfen, verlieren sie häufig an Schärfe, und die trauernde Partnerin erfährt, was ihr neuer Partner trägt.

Wo wäre ein guter Platz?

Im nächsten Schritt lade ich beide ein, auszuprobieren, wo ein guter Platz für Christian sein könnte: ein Platz, an dem er gewürdigt wird und der der Beziehung von Anna und Stefan genug Raum lässt.

Anna stellt den Stuhl versuchsweise hinter sich, etwas zur Seite gerückt. Sie spürt nach. „Das fühlt sich gut an.“ Sie spürt, wie er ihr den Rücken stärkt. Dann frage ich Stefan, wie es ihm mit diesem Platz geht. „So kann ich dich sehen. Und ich sehe ihn auch. Das ist okay.“ Er rückt den Stuhl noch ein kleines Stück, sodass er ihn ebenfalls im Blick hat. „Ich will ja gar nicht, dass er verschwindet. Er gehört zu dir. Und zu den Kindern.“

Es geht bei dieser Arbeit nicht darum, den einen richtigen Platz zu finden. Es geht darum, dass beide Partner ihre Perspektive einbringen, spüren, was sich stimmig anfühlt, und im Austausch bleiben, wie es dem anderen damit geht.

Vom Beratungsraum in den Alltag

Wirksam wird ein guter Platz erst, wenn er im Alltag eine Entsprechung findet. Deshalb übertragen wir am Ende der Sitzung die Erkenntnisse auf konkrete Situationen. Ich frage: „Woran würden Sie im Alltag merken, dass Christian diesen Platz hinter Anna, an der Seite, einnimmt?“

Gemeinsam sammeln Anna und Stefan erste Ideen:

  • Das Foto von Christian im Wohnzimmer bleibt, aber das auf dem Esstisch bekommt einen anderen Platz, den sie gemeinsam mit den Kindern aussuchen wollen.
  • Am Todestag nimmt sich Anna bewusst Zeit für Christian, allein oder mit den Kindern. Vorher sagt sie Stefan, was sie an diesem Tag braucht, und am Abend verbringen die beiden Zeit miteinander.
  • Anna darf von Christian erzählen, wenn ihr danach ist. Stefan darf sagen, wenn es ihm gerade zu viel wird, ohne dass das als Ablehnung verstanden wird.
  • Es gibt Orte und Zeiten, die nur den beiden gehören: ein Urlaubsziel, an dem Anna mit Christian nie war, ein Abend in der Woche, an dem sie ganz bei sich als Paar sind.

Der Platz darf sich verändern

Ein guter Platz ist keine Entscheidung für immer. Er darf sich verändern, mit der Zeit und mit den Übergängen im gemeinsamen Leben. Ein Zusammenzug, eine Hochzeit, ein gemeinsames Kind oder das Älterwerden der Kinder aus der ersten Familie können den verstorbenen Menschen noch einmal stärker ins Bewusstsein rücken. Dann lohnt es sich, den Stuhl erneut gemeinsam anzuschauen.

Und noch etwas ist mir wichtig: Trauer kommt in Wellen. Ein Lied, ein Geruch oder ein Datum können sie unerwartet auslösen. Nicht jede Träne und nicht jeder Rückzug bedeutet, dass der Platz falsch gewählt ist oder dass mit der neuen Beziehung etwas nicht stimmt.

Impulse für Sie als Paar

Vielleicht möchten Sie selbst einmal miteinander auf diese Fragen schauen. Wichtig ist, dass jede und jeder in Ruhe die eigene Sicht schildern kann und der oder die andere zunächst zuhört.

  • Wo erlebe ich den verstorbenen Menschen im Moment in unserer Beziehung? Wo erlebst du ihn?
  • Wie geht es mir mit deinem Bild? Was überrascht mich, was berührt mich?
  • Wo wäre aus meiner Sicht ein guter Platz, an dem er oder sie gewürdigt wird und wir als Paar trotzdem genug Raum haben?
  • In welchen Situationen im Alltag rückt er oder sie zu nah heran? Wann ist er oder sie zu weit weg, sodass etwas fehlt?
  • Was brauchen wir rund um Fotos, Erinnerungsstücke, Jahrestage oder die Familie des verstorbenen Menschen?
  • Welche Orte, Rituale oder Zeiten gehören nur uns beiden?

Manchmal öffnen solche Gespräche viel. Manchmal berühren sie Themen, die sich zu zweit nur schwer halten lassen. Dann kann eine Begleitung von außen hilfreich sein.

Raum für das, was bleibt, und für das, was neu entsteht

Eine neue Partnerschaft muss den verstorbenen Menschen nicht vergessen machen, und sie muss sich nicht an ihm messen lassen. Wenn beide Partner miteinander klären, wo der verstorbene Mensch seinen Platz hat, entsteht oft etwas Entlastendes: Die Verbindung zum Verstorbenen darf bleiben und die neue Liebe bekommt den Raum, den sie braucht.

Vielleicht erkennen Sie sich wieder, als trauernde Partnerin oder trauernder Partner oder als der Mensch, der neu dazugekommen ist. In meiner Paar- und Patchworkberatung begleite ich Sie dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen und einen Platz zu finden, der für Sie beide stimmig ist. Gerne auch dann, wenn Sie keine Krise haben, sondern diese Fragen frühzeitig und bewusst klären möchten.

Ursula Pechlaner

Trauernde zu begleiten und zu unterstützen ist für mich mehr als ein Beruf. Als Diplom-Sozialpädagogin und systemische Therapeutin mit eigener Verlusterfahrung und langjähriger Erfahrung in der Begleitung Trauernder, verbinde ich professionelle Expertise mit einem tiefen Verständnis dafür, was der Tod eines geliebten Menschen im Leben auslöst. Ich weiß, wie weit diese Erfahrung wirkt – in den Alltag, in Beziehungen, in Familie und Beruf.

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